Wie funktioniert Digitalisierung in China?

Eine Frage, die wir uns in Deutschland und Europa dringend stellen sollten. Das Reich der Mitte war in den vergangenen Jahren immer wieder in den Nachrichten, da Produktions- und Produktlinien von westlichen Staaten dorthin verlagert wurden.

Wenn nun aber schon bei uns von dem Verlust von 3,4 Millionen Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung gesprochen wird, wie sieht es dann in dem Land aus, in das bisher ein Großteil dieser Jobs verlagert wurde?

Die Eindrücke dieser Reise finden sich in dem folgenden Artikel wieder.

Wie kommt man nach China und bekommt diese Einblicke?

Um mich intensiver mit der Thematik beschäftigen zu können, habe ich mich im Januar einer Delegationsreise der Wirtschaftsjunioren Karlsruhe nach Hong Kong angeschlossen. Zentraler Termin der Reise war die Teilnahme am Asian Financial Forum.

Über die Kontakte mit den Junioren vor Ort wurden uns aber auch Türen zu weiteren Unternehmen und Institutionen geöffnet.

Umfrage: Top Technologie-Trends in der Finanzindustrie 2018

Trends und Themen des Asian Financial Forum (AFF)

Die auf dem AFF besprochenen Themen sind vergleichbar mit den Fragen, die uns auch in Europa beschäftigen. Bei der Frage, welche Trends in dem kommenden Jahr den größten Einfluss auf die Finanzbranche haben werden, ergaben sich die folgenden TOP 5.

  1. Künstliche Intelligenz (KI)
  2. Big Data Analyse
  3. Blockchain
  4. Entwicklung Payment Systeme
  5. Aufkommen virtueller Banken

All diese Themen füllen Vorlesungen, Bachelor-, Masterarbeiten oder Promotionen.

Wir müssen uns aber klarmachen, dass wir uns oftmals nur oberflächlich mit diesen Themen beschäftigen. So ist z.B. KI schon in 10 Haupttrends zu untergliedern. Derzeit wird künstliche Intelligenz – zumindest kommt es mir manchmal so vor – meist nur in Verbindung mit Chatbots wahrgenommen.
Aus meiner persönlichen Sicht heraus die langweiligste Umsetzung und auch die mit dem geringsten Einfluss auf den Alltag.

Andere Disziplinen wie z.B. „Deep reinforcement learning“ in Verbindung mit großen Datenbeständen, wie sie heute bei Banken vorhanden sind, werden die Zukunft der Branche kurz- und mittelfristig verändern.

Ein weiterer, manchmal unterschätzter Faktor, ist auch die Neu- und Weiterentwicklung von Payment-Systemen. Noch schotten sich die Banken in Europa hier ab und das Kartenterminal, sowie die Transaktionsgebühren sind eine gute Einnahmequelle für viele Institute.

Wirft man auch hier einen Blick nach Asien, wird schnell klar, dass bereits heute Technologien (WeChat Pay, Alipay, TNG) im Einsatz sind, die diese heute noch sprudelnden Einnahmequellen langfristig unter Druck setzen werden.

Jetzt kommen natürlich wieder Einzelne, die der Meinung sind, mir erklären zu müssen, dass auch wir P2P-Payment in der VR-Banking App oder Kwitt könnten und nur die Kunden das mal wieder nicht nutzen.

Die Frage bleibt: Warum nutzt es keiner?

Cyberport – Inkubator der Superlative

Start-Ups sind natürlich auch in Hong Kong ein großes Thema. Ich muss gestehen, dass mich diese Station der Reise persönlich am nachhaltigsten beeindruckt hat. Spricht man in Deutschland von Inkubatoren, handelt es sich meist um Ansammlungen von 5-15 Unternehmensgründungen und Start-Ups mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Selten gibt es gerade bei Lean-Start-Ups größerer Konzerne (z. B. EnBW) einen klareren Branchenfokus.

Cyberport wurde bereits 2003 fertiggestellt und kann seither als Gründerschmiede in Hong Kong bezeichnet werden. In bester Lage und direkter Nachbarschaft zur Universität, befinden sich dort aktuell ca. 1.000 Start-Ups auf einer Fläche von 92.000 Quadratmetern. Von den 1.000 Start-Ups haben ca. 250 den Branchenfokus Fintech.

Eine Zahl, die einen schnell ins Grübeln bringt. Steckt man eine große Menge kreativer Gründer auf engstem Raum zusammen, entstehen neben Wettbewerb auch kreativer Austausch, neue Ideen und Kooperationen. Diese Mischung ist, was Kreativität und Ideengeist angeht, wohl am besten mit „explosiv“ zu beschreiben.

Neben den Start-Ups betreiben auch Konzerne wie IBM eigene Büros im Gebäudekomplex. Die Konzerne treten als Dienstleister für die Start-Ups auf und organisieren regelmäßig Vorträge und Unterstützung durch Spezialisten um die Start-Ups in der Nutzung von z. B. Watson zu coachen.

Vergleicht man diese Zahl mit dem deutschen Markt, wird schnell klar, wie viel Innovationskraft hier vorhanden ist.
Zum Vergleich: Deutschland zählt derzeit ca. 550 Fintechs insgesamt. (Quelle: Quo Vadis FinTech? – Der Bank Blog)

Alibaba und Alipay

Alibaba Office Hong-Kong - Kai Keune

Alibaba Office Hong-Kong

Betrachtet man China und den Online-Handel in China, kommt man heute an Alibaba und seinem CEO Jack Ma nicht vorbei. Oftmals als Amazon-Klon beschrieben, steht der Konzern schon lange nicht mehr im Schatten des westlichen Bruders.

In einem kurzweiligen Vortrag konnten wir einiges über die Geschäftsphilosophie des Konzerns und seine Lösungen erfahren.

Im Fokus der Teilnehmer stand unter anderem Alipay. Die Alibaba Tochter hat heute bereits über 450 Millionen Nutzer. Alibaba hat bereits seit 2014 eine Banklizenz und ist somit ein weiterer ernstzunehmender Player im Markt.

Mit der App ist es heute bereits möglich, Taxifahrten und Einkäufe in jedem Kiosk in Asien mit dem Smartphone zu bezahlen. Darüber hinaus bietet Alipay die Möglichkeit, für Restaurants oder Gewerbetreibende „Location based Advertising“ zu machen. Befindet man sich in der Nähe eines Restaurants, bekommt man z. B. ein Freigetränk oder einen Rabatt, wenn man mit Alipay bezahlt.

Eine weitere Funktion ist das Splitten von Rechnungen mit Freunden und Kollegen, was auch hier in Europa den Bezahlvorgang in der Mittagspause deutlich verkürzen würde.

Deutschland ist leider ein innovationsfeindliches Umfeld

Auch hier werden sich nun die Kritiker zu Wort melden und argumentieren, dass man das ja nicht vergleichen könne. Die Märkte seien sehr unterschiedlich strukturiert und reguliert.

Damit haben sie natürlich zum Teil recht. Trotzdem müssen wir uns in Europa ernsthaft darüber Gedanken machen, wie und ob wir künftig mitspielen wollen.

Konzerne in Europa legen oftmals ein eher kompetitives Verhalten an den Tag. Ideen von Start-Ups und jungen Unternehmen werden häufig kopiert. In den meisten dieser Fälle wäre es sinnvoller, mit den Start-Ups und Unternehmern zu kooperieren. Durch Kooperation und Kollaboration entwickeln sich weitere Ideen und Möglichkeiten über den anfänglichen Status Quo einer Idee hinaus.